Wer nicht wagt…

Bild von Martina Ockert-Galagorri

… der ist in jedem Fall sicher vor jeglicher Niederlage. Oder einfach nur ein feiger Hund. Oder es kommt, wie bei allem eben, auf das Wagnis im Allgemeinen oder im Besonderen an. Lohnt es sich für mich überhaupt, mich aus dem Fenster zu lehnen, um im schlimmsten Fall rauszukippen, dabei alle Zähne zu verlieren und dann leicht dümmlich aber lückenlos in die Welt zu lachen?

Naja, so gesehen wäre es in jedem Fall die klügere Entscheidung direkt im Bett liegen zu bleiben, um niemandem zu begegnen, der einen vielleicht dazu herausfordern könnte die mentale Wa(a)gschale auszugraben.

Wann wissen wir denn wirklich und wahrhaftig, dass sich der ganze Aufwand auszahlt? Wovon hängt es ab, ob wir völlig unbedarft etwas riskieren, mit dem Bewusstsein, dass die Sache für uns böse ausgehen kann?

Nehmen wir an, dass direkt an der Ecke ein neuer Dönerladen seine Pforten öffnet. Nun geht man aber bereits seit mehreren Jahren zum Chinesen auf der gegenüberliegenden Strassenseite und wähnt sich damit auf der sicheren Seite. Aufgehoben, angstfrei und wohl geprüft kann man jederzeit mit gutem Gewissen den einfachen Weg des Hungerstillens gehen. Man weiss was man hat. Kennen wir alle. Geht sogar wahlweise ohne Geschmacksverstärker. Quasi unverfälscht und pur. Aber der neue Döner lässt uns nicht los. Dazu lächelt der Dönermann verschwörerisch freundlich, die Preise sind verlockend klein gehalten, die Portionen dafür umso größer. Und ehe man sich versieht, sitzt man mit einem Lahmacun in der Hand, mit scharf, am folierten Alutisch und wippt zu türkischen Rhythmen, die aus dem nachkriegszeitlichen Fernseher schallern. Mal was anderes, aber schön. Die erste Hürde wäre demnach geschafft. War eine gute Erfahrung, auch lecker, machte satt, nette Besitzer. Man kommt gerne wieder. Oder? Einmal ist ja bekanntlich keinmal. Muss auch keiner erfahren. Ein weiteres Mal würde klar die Wahrscheinlichkeit steigern, dass es schon bald ein drittes, viertes, fünftes Mal geben könnte. Würde ja auch Sinn machen. Dönermann nett, Gespräche witzig, Essen lecker – alle Bedürfnisse abgedeckt und Wünsche zufriedenstellend erfüllt. Wird das jetzt also was von Dauer? Oder sollte ich mich davor hüten, dass mich vielleicht schon nächste Woche eine Lebensmittelvergiftung niederstreckt?

Natürlich kann ich im Voraus Schwarzmalerei betreiben, aufzählen, was alles dagegenspricht und möglicherweise schief gehen kann. Vernünftiger wäre demnach sicher die Bio-Karotte. Kann man aber auch dran ersticken. Dann aber sehr gesund und ökologisch unverwerflich.

Ich für meinen Teil würde es wieder tun, ganz klarer Fall von Wiederholungstätertum. Einfach nur deshalb, weil es gut tut und gut schmeckt – jetzt. Wielange das währt, wird sich herausstellen. Erfolgsaussichten sind nämlich wie der Wetterbericht. Trefferquote – zwei Prozent.

Ihr wisst was ich meine. Es geht hier auch nicht wirklich um unsere Freunde die Türken und schon gar nicht um Döner.

Und sollte es dennoch ein böses Erwachen geben, zwecks Gammelfleisch, Defiziten bei der Völkerverständigung oder gar Schärfeunverträglichkeit hatte ich wenigstens den Mut es auszuprobieren.

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