Krieg für eine Nacht

Ich bin wieder da, im ruhigen und beschaulichen Schorndorf, auf der einen Seite glücklich und zufrieden, auf der anderen Seite fehlt mir Istanbul auf eine ganz spezielle Art und Weise. Ich habe immer wieder versucht, so gut es ging, Erlebtes in Worte zu fassen, um euch an meiner Reise teilhaben zu lassen. Dann kam der Putsch und mit ihm Stunden, Begegnungen, Gefühle und Worte, die sich nur schwer zu Blatt bringen lassen. Ich berichte euch dennoch und genau deshalb von dieser einen besagten Nacht.

Am Abend des Putsches hatte ich zum Glück ausnahmsweise nichts geplant. Ich war mit meiner Mitbewohnerin Birsen und den Hunden draußen. Einmal nach Besiktas und zurück mit einem kleinen Zwischenstopp, um ein Eis zu essen. Bevor es dann so wirklich losging, waren wir bereits wieder zuhause. Birsen wollte anschließend noch auf eine Geburtstagsfeier kam aber schon nach kurzer Zeit mit Freunden zurück. Erst da erfuhr ich eigentlich was draußen los war. Vor der Tür ging das Leben noch seinen gewohnten Gang und die Cafés und Bars waren noch gefüllt wie immer. Auffällig war, das die Menschen auffällig konzentriert und angespannt auf ihre Handys starrten. Ganz langsam leerten sich die Straßen, Heimwege wurden erstaunlich früh angetreten. Es war klar – irgendetwas lag in der Luft.

In der Wohnung saßen wir bereits zum Brainstormen zusammen und entwickelten den Plan, Lebensmittel für eine Woche einzukaufen, um bis zum nächsten Freitag die Wohnung nicht verlassen zu müssen, sodass wir dann während des Freitagsgebetes zum deutschen Konsulat gehen könnten, um dort zu erfahren, wie es denn nun weitergehen sollte. Wasser, Kekse, Nudeln und Eier bildeten die Grundlage für unsere Verbarikadierung.
Und dann wurde es ruhig in Taksim, gespenstisch ruhig. In der Wohnung, in der normalerweise der Verkehr des Talabasi Bulevar von der einen Seite der Fenster zu hören war und die Geräuschkulisse der Kneipenszene von der anderen Seite, war kein Geräusch mehr zu hören. Sogar das Grundrauschen der Stadt verstummte. Die verhängte Ausgangssperre zeigte Wirkung. Der pulsierenden Metropole blieb im wahrsten Sinne des Wortes das Herz stehen und der Ruhepuls war verdächtig schwach. Wir saßen alle gebannt vor den Rechnern, Handys und Tablets und verfolgten die neuesten Nachrichten und Meldungen in via Social Media. Nebenher beantworteten wir zahlreiche Nachfragen und Anrufe besorgter Freunde und Familienmitglieder.
Unterbrochen wurde der Informationsschwall von der ersten Maschinengewehrsalve in direkter Nähe. Alle verstummen – im Hintergrnd lief leise der Livestream auf dem Laptop. Stillstand. Panik. Unverständnis. Jetzt auch noch Informationsarmut? „Ihr könnt mir meine Freiheit nehmen, aber doch nicht das Internet,“ rief jemand in der WG, als der Livestream zeitgleich mit den Maschinengewehren verstummte. Die Nervosität legte alle Nerven blank, aber nach dem Aktualisieren setzte wieder das hektische Gequassel der Reporter ein. Na immerhin.
Nach den kurzen Scharmützeln bei uns um die Ecke wurde es wieder ruhig, bis zum Aufruf zur Gegenwehr. Das ließen sich die Männer vor Ort nicht zweimal sagen. Gefundenes Futter für alle Journalisten und den unermüdlichen Trieb die neueste Lage im Sekundentakt mit besorgter Miene in ein farbiges Mikrofon zu brüllen und dabei verschreckt um sich zu blicken. Auf den Straßen wendete sich das Blatt erstaunlicherweise tatsächlich, denn das Aufgebot an Menschen war ein Großes – größer als erwartet. Dann zog man den Joker. Kampfjets um Mitternacht, mit Überschallgeschwindigkeit, tief über der Stadt. Ein Schlag lies die Häuser erzittern. Der erste Gedanke war, sie bombardieren die Plätze. Im nächsten Moment war aber nirgendwo ein Licht oder Feuer zu erkennen. Kein Schreien, keine aufkommende Panik, keine rennenden Menschen. Gott sei Dank. Das erste Mal war es fast noch aufregend, aber beim fünften Schlag hatte man Adrenalin, um aus dem Stand einen Halbmarathon durch Istanbul zu laufen. Dolby Surround Sound, besser als im Kino, angsteinflößend.

Die Morgendämmerung setzte ein. Mittlerweile war es totenstill. Die größte Aufregung hatte sich gelegt und man fand zumindest ein wenig Schlaf. Niemand wusste wie es weitergehen würde. Darum verweilten wir erstmal in der Wohnung und aßen von unseren Vorräten. Am Spätnachmittag des Samstags entschlossen wir uns dennoch zu Freunden zu gehen, die etwas außerhalb wohnten, sodass wir nicht inmitten des Geschehens wären, sollte wieder eine solche Bewegung entflammen. Doch es blieb ruhig. Es war die Ruhe nach dem Sturm, nach einer nicht aufhören wollenden Nacht, nach einem Szenario, dessen Realität sich fast selbst in Frage gestellt hat. Die Aufregung hat sich gelegt, die Gedanken bleiben.

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